Naturschutzverein „Elsteraue“
Falkenberg/Elster e.V.

Träger des Umweltpreises Brandenburg 2000

Die Geschichte dieses Horstes am Kiebitzer See muss erzählt werden.
Beim seinem Aufbau im Frühjahr 1984 hatte uns der damalige Stromversorger ESSAG mit technischem Gerät und dem notwendigen Material geholfen. Wir verwendeten einen hölzernen Leitungsmast mit zwei Betonschuhen. Als Horstunterlage diente ein altes Rad der damals gebräuchlichen landwirtschaftlichen Ackerwagen. Nachdem sich 1985 und 1986 nur vorübergehend Störche für die neue Brutmöglichkeit interessiert hatten, wurde der Horst nach einem mittleren Frühlingshochwasser 1987 von einem Storchenpaar besetzt. Das war für uns Naturschützer eine große Freude, denn soweit uns bekannt war, hatten seit über 50 Jahren in der Umgebung Falkenbergs keine Störche mehr gebrütet!

Schon bald bemerkten wir, dass einer der beiden Störche über seinem linken Fußgelenk einen Ring trug. Zum Glück stand unmittelbar neben dem Horst eine alte Feldscheune, sogar mit einem Dachfenster zum Storchenhorst hin. Dort saß ich in den folgenden Jahren viele Stunden mit meinem Fotoapparat und hatte bald - so glaube ich es jedenfalls - ein sehr freundschaftliches Verhältnis mit den beiden Rotfüßen. So konnte ich leicht feststellen, dass der beringte Storch das Weibchen war und mit meinem Fernglas auch die im Ring eingeprägte Nummer ablesen. Die Rückmeldung der Vogelwarte Hiddensee gab Auskunft über die Personalien: Die Störchin war am 28.06.1983 in Radinkendorf bei Beeskow nestjung beringt worden - also etwa 150 km nordöstlich von Falkenberg entfernt.
1987, im ersten Jahr, hatte das Storchenpaar zwei Junge, in den folgenden Jahren stets drei.
Direkt an ihrem Horst lag das Nordostufer des Kiebitzer Sees, wo man die Altstörche frühmorgens am FFK-Strand beim Fangen von Fröschen und Fischen beobachten konnte.
Aber zur Nahrungssuche landeten sie hauptsächlich auf den ausgedehnten Wiesenflächen der Kiebitzer Bruchwiesen - eigentlich ein idealer Lebensraum für die Adebare.
Von 1987 bis 1995 brüteten die Störche ohne Unterbrechung auf dem Kiebitzer Horst und zogen jährlich regelmäßig drei Junge auf; 1995 sogar vier. Das Weibchen mit dem Ring brütete jedes Jahr auf dem Horst. Und ich glaube, auch das Männchen blieb immer dasselbe.
Aber wie ist es eigentlich mit der sprichwörtlichen Treue der Störche?
Weil die meisten Horste über Jahrzehnte hinweg besetzt bleiben, glauben viele Menschen, es sind immer wieder die gleichen Bewohner, die dort oben nisten. Manche wollen sogar „ihre Störche“ stets wiedererkennen. Doch die weit verbreitete Annahme, die Störche brüten Jahr für Jahr mit dem gleichen Partner, ist irrig. Durch die seit vielen Jahren vorgenommenen Beringungen ist heute zweifelsfrei bewiesen, dass Paarauflösung unter den Störchen häufiger vorkommt als Paartreue. Auch der Brutortwechsel ist nicht selten. Es wurden beringte Störche beobachtet, die jährlich wechselnd mit einem anderen Partner auf verschiedenen Horsten Junge aufgezogen haben. Natürlich gibt es auch Paare, die über Jahre hinweg Brutpartner blieben, und die dann auch immer auf dem gleichen Horst brüteten. Doch das ist vor allem darauf zurückzuführen, weil sowohl Männchen wie auch Weibchen in der Regel eine enge Bindung an ihre Brutplätze haben. Nach der Rückkehr aus den Winterquartieren müssen sie also zwangsläufig wieder mit ihrem vorjährigen Partner zusammentreffen.
Bei meinen Beobachtungen am Kiebitzer Horst habe ich Ähnliches erlebt. Weil das Weibchen beringt war, konnte ich sicher sein, dass es seit 1987 das gleiche geblieben war. 1993 kehrte das Weibchen sehr spät zurück, nämlich am 11. April. Drei Tage später gesellte sich ein zweiter Storch hinzu, der ebenfalls einen Ring trug, seinem Verhalten nach ein junges Männchen. Leider gelang es mir nicht, die Ringnummer abzulesen. Die Eintracht der beiden Störche auf dem Horst war offensichtlich: ständiges Klappern und dann auch Paarungen.
Schon glaubte ich, dass sich ein Partnerwechsel vollzogen hat. Doch am 15. April traf ein zweites, älteres Männchen ohne Ring am Horst ein, und ich war mir ziemlich sicher, dass es der Brutstorch der vorangegangenen Jahre war. Es kam zu kurzen, aber sehr heftig geführten Kämpfen zwischen den beiden Störchen. Der Ältere blieb Sieger, vertrieb seinen Nebenbuhler und verpaarte sich danach mit dem tatenlos zuschauenden Weibchen. Wie in den Jahren zuvor wurde es eine erfolgreiche Brut mit drei Jungen.
Dann im Frühjahr 1996 ein banges Warten: Das Männchen stand pünktlich Anfang April auf dem Horst. Doch er wartete über vier Wochen vergeblich auf seine Partnerin. Als es für eine Brut fast schon zu spät schien, verpaarte er sich mit einem anderen Weibchen. Zum Glück hatte auch sie einen Ring am Fuß, doch diesmal am rechten Fußgelenk. Die Rückmeldung aus Hiddensee brachte die Erkenntnis, dass dieses Weichen mit ihrem Alter von drei Jahren erstmals zur Brut gekommen war. Sie legte nur ein Ei, das von beiden auch ausgebrütet wurde.
Aber nach etwa 14 Tagen war das geschlüpfte Junge aus dem Horst verschwunden. War es herunter gefallen? War es die Beute eines Greifvogels geworden?
Nach diesem tragischen Vorfall konnte ich das Brutpaar noch einige Tage auf dem Horst beobachten, dann verschwanden sie - leider für immer!
Der Horst am Kiebitzer See wurde von den Störchen nie wieder angenommen.
Warum ignorieren sie seitdem diesen Horst? Wir wissen es nicht!